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Stellungnahme von KARO e.V.

Stellungnahme von KARO e.V. zum Interview mit Frau Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Stellvertretende Vorsitzende des Deutsche Ethikrates, am 19.01.2012 im Deutschlandradio Kultur mit dem Titel „Die Babyklappe vor dem Aus?“

Als Betreiber einer Babyklappe möchten wir hiermit zum Ausdruck bringen, dass in den Äußerungen von Frau Woopen einige Zusammenhänge in Bezug auf Babyklappen völlig falsch dargestellt werden. Außerdem finden wir es unerträglich, dass sie engagierte Menschen, welche sich der Not von Frauen annehmen, als Verursacher dieser Not zu diskreditieren versucht. Aus diesem Grunde ist es uns ein Bedürfnis hier unsere Position, der von Frau Woopen vertretenen, entgegenzusetzen:

Interessant an diesem Artikel ist, dass schon eingangs erwähnt wird, dass Frau Woopen „… schon länger die Abschaffung der Babyklappen fordert.“ und gleichzeitig festgestellt wird, dass das Interview im Kontext zu einer erstmals und erst kürzlich durchgeführten Studie zum Thema Babyklappe des Deutschen Jungendinstitutes im Auftrag des Bundesfamilienministeriums steht. Woher bezog also Frau Woopen ihre schon länger bestehende Position, wenn es wissenschaftlich bis dato noch gar keine dieses Problemfeld betreffenden Untersuchungen gab? Nun, wir wissen es nicht und werden es auch nie erfahren.
Frau Woopen sieht zumindest ihre Meinung durch die Studie bestätigt. Leider ist die Studie bisher nicht veröffentlicht worden, weshalb wir auch nur weniges zu dieser Studie sagen können. Nach allem, was wir bisher wissen, halten wir es derzeit trotzdem für sehr zweifelhaft, ob es diese Studie überhaupt zu leisten vermag, die wahren Motive derer untersucht zu haben, welche das Angebot von Babyklappen annehmen. Die Studie beruht – nach eigenem Bekunden – auch auf der „Erfassung der psychosozialen Situation durch Qualitative Interviews mit betroffenen Frauen“. Dies impliziert, dass Frauen, welche eine anonyme Geburt für sich als Lösung ihres Problems erschien, zur Befragung zur Verfügung standen. Genau dieses kann aber nicht sein. Zur Befragung konnten höchstens jene Frauen zur Verfügung gestanden haben, welche sich nach der (vorerst anonymen) Abgabe ihres Kindes in der Babyklappe, später dazu entschieden, sich bei den zuständigen Ämtern zu melden. Für eine Befragung dagegen naturgemäß unerreichbar sind jene Frauen, welche weiterhin anonym geblieben sind. Nur genau um diese geht es bei dem Angebot Babyklappe. Es ist daher wenig repräsentativ, eine Frau, welche im Nachhinein als Mutter eines Babyklappenkindes in Erscheinung tritt, für jene Frauen sprechen zu lassen, welche nie in Erscheinung treten wollen bzw. werden. Grenzwertig ist in diesem Zusammenhang auch, dass niemand sich im Rahmen dieser Studie die Zeit genommen hat jene Frauen, welche ihr Kind nach der Geburt irgendwo aussetzten oder gar sterben ließen, dahingehend zu befragen, ob das Angebot einer Babyklappe sie von diesem Tun abgehalten hätte…
Aber zurück zum Interview. Was spricht nach Ansicht von Frau Woopen gegen Babyklappen?
Nun zuerst einmal verstößt das Angebot von Babyklappen nach Ansicht des Ethikrates gegen geltende Gesetze. Das mag durchaus stimmen, wir meinen jedoch, dass nicht die Babyklappen das Problem sind, sondern die kurzsichtigen Gesetze, welche dieses Angebot berührt, vielleicht sogar verletzt. Es ist doch so, dass Gesetze nicht die Lebenswirklichkeit ändern sollen, sondern der Lebenswirklichkeit angepasst werden müssen. Eine Mutter, die ihr Kind aus Verzweiflung in einer Babyklappe abgibt, kennt meist die Gesetze gar nicht, welche für ihre Situation relevant sind, bzw. befindet sich in einer psychischen Notlage (z.B. postnatale Depression), die Gesetze für den Entscheidungsprozess irrelevant werden lassen.
Es ist nicht zu bestreiten – da empirisch sicher belegbar – das anonym abgegebene Kinder „… in ihrer Identitätsbildung schwere Nachteile haben und auch erhebliche Defizite im Selbstwertgefühl entwickeln können.“ Nur was soll diese Aussage, wenn es darum geht über die Zukunft von Babyklappen zu entscheiden? Es geht bei Babyklappen nicht darum, Kindern ein glückliches und zufriedenes Leben zu ermöglichen, es geht eben nicht darum wie! Kinder leben, sondern einzig und allein darum dass! sie leben! Mehr kann und will das Angebot Babyklappe nicht leisten. Dies sollte in der Diskussion nie vergessen werden, denn es ist der zentrale Punkt, welcher leider bei all den klugen politisch-ethischen Diskursen oftmals in den Hintergrund tritt.
Was uns schockierte, war die Aussage von Frau Woopen, welche – unter Verweis auf die oben angesprochene Studie – feststellt, dass bei rund einem Fünftel der in Babyklappen abgegebenen Kinder die Träger nicht wissen, wo diese Kinder geblieben sind. Sie schließt daraus, dass z.B. Adoptionen ins Ausland möglich werden. Das halten wir für völlig weltfremd und reine Panikmache. Natürlich wissen die Träger in der Regel nicht, was mit den Kindern geschieht. Dies hat aber keine kriminellen Ursachen, sondern liegt ganz einfach daran, dass allein die – in der Regel nicht gleichzeitig als Träger fungierenden – zuständigen Jugendämter für die angegebenen Kinder die weitere Verantwortung übernehmen. Wie sieht das in der Praxis aus? Bei uns wurden bisher zwei Babys abgegeben, von denen wir auch nicht wissen, wo diese geblieben sind. In jedem Falle war innerhalb kürzester Zeit medizinische Versorgung durch einen Arzt gewährleistet. Die Kinder wurden in ein Krankenhaus verbracht, welches dann deren Übergabe an die für solche Fälle im Gesetz vorgeschriebenen staatlichen Institutionen veranlasste. Ab diesem Zeitpunkt wird uns jede Auskunft zu dem Kind verwehrt. Natürlich würden wir uns wünschen, den Lebensweg der Kinder verfolgen zu dürfen. Wir wissen jedoch, dass dies unter anderem aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich ist. Trotzdem haben wir das Vertrauen, dass für das Neugeborene mit Übergabe an das zuständige Amt, auch in Zukunft alles Menschenmögliche auf der Grundlage unserer Gesetze getan wird. Es kann doch nicht sein, dass Frau Woopen unterstellt, dass es unter den Trägern von Babyklappen „…solide und weniger solide…“ gibt, nur weil diese keine Aussagen über den langfristigen Verbleib des Kindes machen können. Für angemessen hielten wir, dass Frau Woopen nicht gesetzeskonforme Fälle gegenüber den zuständigen Strafverfolgungsbehörden zur Anzeige bringt, statt öffentlich engagierte Helfer unter den Generalverdacht zu stellen, Kinder zu verschachern.
Ebenfalls zweifelhaft ist die Aussage der in der Studie zu Wort kommenden Jugendämter, dass die Betreiber von Babyklappen erst eine Nachfrage nach anonymer Abgabe von Neugeborenen schaffen würde. Das könnte man – würde es nicht um ein derart ernstes Thema gehen – fast schon als lächerlich bezeichnen. Genauso gut könnte man beispielsweise eine Drogenberatungsstelle dafür verantwortlich machen, dass es Drogensüchtige gibt, oder Rechtsanwälte dafür, dass Straftaten begangen werden. Es dürfte außerdem doch wohl jedem klar sein, dass eine Babyklappe, deren Vorhandensein nicht bekannt gemacht wird, bzw. welche man nicht findet, absolut keinen Sinn macht. Es ist doch unvorstellbar uns zu unterstellen, dass Frauen durch das Angebot von Babyklappen erst auf die Idee gebracht werden, diese zu nutzen. Die Absurdität dieser Annahme ergibt sich zusätzlich aus der Tatsache, dass man ja – wie oben bereits angedeutet – unmöglich die wahren Motive für derartiges Handeln dieser Frauen wissen kann, denn sie wurden ja nie befragt.
Eine weitere Frechheit gegenüber all den engagierten Betreibern von Babyklappen ist es, in diesem Zusammenhang zu behaupten, dass sie durch das Angebot der anonymen Kindsabgabe Frauen erst dazu veranlassen würden, ihre Schwangerschaft zu verheimlichen und so eine medizinische angemessene Versorgung dieser Frauen verhindert werde. Durch die absurde Umkehr des Prinzips von Ursache und Wirkung soll hier versucht werden, auf Kosten notleidender Menschen und zum Nachteil der Helfer, Stimmung zu machen, um die wahren Ursachen sozialer Notstände zu verschleiern.
Interessanterweise resümiert Frau Woopen – trotz der Eingangs erwähnten Forderung nach Abschaffung von Babyklappen – dass genau dies, das eigentliche Problem – einer sich vermeintlich in einer hoffnungslosen Lage befindlichen Schwangeren – nicht lösen würde. Dem stimmen wir durchaus zu, jedoch greift der von ihr vorgeschlagene Weg zur Abschaffung von Babyklappen viel zu kurz:

„Es muss bekannt gemacht werden, welche Hilfen es alles schon gibt, sie müssen noch niedrigschwelliger erreicht werden können - das ist beispielsweise das Internet, es gibt Telefon-Hotlines, es gibt ein breites Netz an Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, die entsprechend so auch ausgebaut werden können, dass sie in diesem Kontext tätig werden können, so dass den Frauen klar ist, sie kriegen vor Ort unmittelbar in der einen oder anderen Form, also Telefon, Internet oder persönliches Gespräch, die Hilfe, die sie benötigen.“

Der Ansatz ist natürlich gut und wird von uns als Betreibern einer Babyklappe auch unterstützt. Nur müssen wir zu bedenken geben, dass hier die Macht der Politik, bzw. der damit verbundene Kontext der Bereitstellung sozialer Hilfsangebote schwer überschätzt wird. Verzweifelte Menschen handeln eben gerade nicht immer rational, verzweifelte Menschen nehmen Hilfsangebote eben manchmal nicht an und es wird auch in Zukunft verzweifelte Frauen geben, welche – egal wie dicht das soziale Netz um sie gespannt ist – ihr Kind alleine zur Welt bringen und es nicht behalten wollen! Erst wenn letzteres sicher ausgeschlossen werden kann, dann werden Babyklappen überflüssig! Es geht nicht darum, was Politiker, Kommissionen oder Teile der Bevölkerung von Babyklappen halten. Eine Babyklappe rechtfertigt sich allein schon aus dem Umstand, dass sie in Anspruch genommen wird. Niemand kann mit Sicherheit wissen, was eine verzweifelte Frau, welche ihr Kind in einer Babyklappe abgegeben hat, getan hätte, wenn sie dieses Angebot nicht hätte nutzen können. Bei allen sachlich richtigen und notwendigen ethischen Diskussionen – allein diese Unsicherheit bedeutet, dass Babyklappen unverzichtbar sind, weil sie Leben retten! Zu hoffen bleibt, dass jene, die eine Abschaffung von Babyklappen fordern und auch die Macht dazu haben, sich dieser Verantwortung im Zuge ihrer Entscheidungsfindung stellen.

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